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Keine Angst vor Schwarz

Der Schritt über die Schwelle

Wenn ich in meinem Atelier werkle, bleiben immer mal wieder Menschen vor dem Fenster stehen und schauen, was da los ist. Klar sind die Menschen neugierig was es hier zu sehen und für sie zu entdecken gibt. Manche betrachten ein Weilchen das Vorgehen und gehen dann wieder weiter, andere wagen den Schritt über die Schwelle und treten ein. Das sind schöne Momente, denn es findet Begegnung statt. Die einen beschauen die fertige Kunst an den Wänden und in den Regalen, andere interessieren sich für die Materialien in den Gläsern und Schalen. Sande, Steinmehle, Flammruß oder Rebschwarz, Ingwer oder Curcuma oder die feingemahlene Eierschale, sie alle wecken eine Lust im Menschen, mehr darüber zu erfahren und Berührung zuzulassen. Und so findet Austausch statt. Austausch zwischen den Bildern und seinem Betrachter - den Materialien und dem Entdecker - mir und meinem Gegenüber. 

Geborgenheit sucht sich manchmal eigenartige  Wege

"Hier duftet es nach Geborgenheit" sagte der Mann der mich interessiert im Atelier besuchte, während ich mein Zimtschwarz aus dem Topf löffelte und auf der Leinwand verteilte. Wir kamen sofort miteinander ins Gespräch. Es erschreckte ihn nur kurz als er feststellte, dass das Gefühl von Geborgenheit in diesem Topf mit Schwarz zu finden war. Eine Farbe die ich mir selbst herstelle und die mittels einem Oxidationsprozess aus dem Zimt ein dunkles Schwarz entstehen lässt. Ich benutze gerne das Dunkle und Schwarze in meinen Bildern. Mal braucht es nur einen Hauch davon, um Kontrast zu setzen. Ein anderes Mal sind es feine dunkle Linien die das Eine von dem Vielen abgrenzen und dann wiederum grundiere ich ganze Leinwände mit tiefem Schwarz und arbeite es bis zur Farbe heraus. Klar erhalten dann gerade diese Werke eine beeindruckende Tiefe - gerade weil das Dunkle darunter liegt.

 

Kennen wir ähnliches nicht auch aus unserem Leben - wenn sich in unterschiedlichsten Formen, Zeiten der Dunkelheit in und um uns herum breit machen? Hier gibt es kein Bagatellisieren, kein "stell dich mal nicht so an" oder "das wird schon wieder" und auch nicht "die Zeit heilt alle Wunden". In Zeiten der Schwärze müssen wir uns zurückziehen dürfen, dem Dunklen Raum geben, es beklagen und betrauern dürfen. Wir tun gut daran, gerade nun in einen gnädigen Umgang mit uns selbst zu finden, um uns dem Dunklen behutsam nähern zu können. Der Blick darauf - er schmerzt - und fordert das Weh in uns.

Reicher und fruchtbarer Boden ist dunkel und schwarz

Ist es nicht seltsam, dass reicher, fruchtbarer Boden, dunkel und schwarz ist? Wieder so ein Schönreden? Einer von den vielen Sprüchen, die alles möglichst positiv darstellen wollen, um sich dem Dunklen nicht wirklich nähern zu müssen? Oder ist es auch denkbar, dass sich gerade solche Erkenntnisse herausbilden, weil ich mich meiner düsteren Zeiten annehme? 

Mein Gegenüber die Leinwand, sie bringt mich in Beziehung mit mir selbst - öffnet Gesprächsräume in mir - rührt an -  schafft Sensibilität für tiefere Zusammenhänge. Zeige ich mich empfänglich für das was jetzt aufblitzt, um nicht im Dunklen steckenzubleiben? Wie nehme ich es entgegen, das Lichte, das sich mir zeigen möchte? Kann ich es an- und in mir aufnehmen und es kräftigen? 

 

Hier im Bild habe ich dem Schwarz einiges mit auf seinen Weg gegeben. Das Eisenoxidrot Hämatit z.B., ein Rost von Stahloberflächen. Der Rost wurde gesammelt, gewaschen und gemahlen. Mit seinem Eisenanteil gibt er dem matten Rot eine tragende und somit kräftigende Komponente. Eine Schicht Türkis, ehe diese wieder von Himmelblau und französischem Ocker überdeckt wurde, um sie dann wieder vereinzelt mit dem Malmesser hervorzuholen. Es ist ein Spiel mit den Farben und Materialien. Flächen werden bedeckt, teilweise wieder losgelöst, abgekratzt und neu vermischt. Und während die Farben miteinander tanzen, gibt es da immer ein Lauschen - Rhythmus und Klang auf der Leinwand finden sich.

Das Flämmchen flackert auf

Eigenartig, die Malerei hilft - auch den Klang in mir zu finden. Die trüben Farben auf dem Maltuch bedurften nun Helligkeit. Zunächst weißer Glimmer, der sich sanft und zart in das Dunkle hineintastete, ehe das kräftige Weiß der Steinkreide sich seinen Auftritt traute. Es ist ein behutsames Vorgehen, dem Schwarz seinen angemessenen Kontrast zu verleihen. Aber nun, wo das Flämmchen aufflackert braucht es ein Umsorgen und Pflegen, ein Dranbleiben, damit es nicht erlischt. Jetzt bin ich gefragt, dieses Neue Willkommen zu heißen und ihm Heimat zu bieten - ich kann nun nicht so tun, als ginge es mich nichts an. Das Auflodernde möchte genährt werden, damit es sich verströmen - Wärme und Licht verbreiten kann.

 

Lange habe ich bei diesem Werk überlegt, ob ich das Dunkle mehr zurücknehme oder es in seiner Dominanz stehen lasse. Wie Sie sehen habe ich mich für Letzteres entschieden. Das Helle hier im Bild sieht keinen Anlass sich dem Dunkleren gegenüber durchsetzen zu wollen. Es wirkt - gerade in seiner Zartheit! 

Und jetzt, wo ich die Zärtlichkeit des Hellen wie ein liebevolles Umfassen in mir selbst wahrnehme, wird die Geborgenheit für mich spürbar - eine Geborgenheit in mir selbst.  

Keine Angst vor Schwarz

Mein Blick auf das Schwarz erhält für mich eine ganz neue Bedeutung. Ich muss mich diesem beherrschenden Dunkel weder ausgeliefert fühlen, noch mich ihm unterwerfen und ich brauche mich ihm auch keineswegs mächtig entgegenzusetzen. Ich nehme mich ihm an, gehe den Weg durch die Nacht mit, um die Essenz für mich herausfiltern zu lernen. Ich sortiere aus und um - hebe Wesentliches hervor - löse Verkrustetes ab - weil das Neue bereits darunter durchscheint.

 

In jedem kreativen Prozess kommen wir genau mit diesen handwerklichen Schritten in Berührung. Und was sich scheinbar ganz absichtslos mit Pinsel und Spachtel auf der Leinwand abspielt, findet Eingang in unsere Gefühlregung. 

Nun liegt es also an mir, was ich damit mache - ob ich mich neu ausrichte - mein Licht zum Leuchten bringe - Wärme und Licht verbreite.   

 

Das Helle erhält seine Leuchtkraft durch das Dunkle.

 

 

Ich wünsche Ihnen Zuversicht und eine lichte Zeit!

Herzlichst, Bernadette Vögele