Gedanken wie Samenkörner
In meinem Atelier sind drei kleine Formate entstanden, aus Gips, roter Erde, Kreide, Gold und Silber. Und wie immer, haben auch sie wieder Fragen in mir aufgeworfen. Angeregt haben mich drei Impulse, die mir kürzlich beim Zuhören hängengeblieben sind. Meine Gedanken die daraus entstanden sind möchte ich in dem heutigen Beitrag wie Samen ausstreuen. Ich weiß nicht ob sie aufgehen, ob sie Sie als Leser berühren oder wohin sie wachsen. Ich lege sie einfach in den Raum. Ein herzliches Willkommen zu diesem Beitrag an Sie, heute am Pfingstmontag.
Vom Chaos zur Form
Das Format für diese Serie habe ich bewusst klein gewählt. Es hilft mir, in höchste Konzentration zu finden. Und dabei bin ich für meine Verhältnisse ziemlich konkret vorgegangen, denn normalerweise habe ich zu Beginn keine bestimmte Absicht. Dieses mal jedoch, wollte ich drei handgefertigte Rahmen mit Alabastergips grundieren. Dieses Gestein in pulvriger Form rühre ich mit Wasser an und stelle mir ein Brei-Gemisch her. Je nachdem, wieviel Wasser ich unterrühre, verändert diese Masse ihre Konsistenz. Von cremig bis flüssig und erinnert an Joghurt oder Kartoffelbrei. Es entsteht eine extrem formbare Masse, die ich zunächst erstmal nur auf der Leinwand verteile und dort dann beginne, sie zu modellieren. Ich kann das Material dick oder dünn auftragen, es spachteln, schieben und das Geschaffene auch wieder verwerfen. Genau dieser Ablauf ist es, der eine pure Spielfreude in mir weckt. Doch der Gips setzt mir auch Grenzen, denn nach relativ kurzer Zeit fängt er an zu stocken. Das ist ein entscheidender Hinweis, denn zwar kann ich ihn noch weiter formen, doch ich habe nicht unbegrenzt Zeit dafür. Es ist als würde das Material mich leise rufen, langes Grübeln und perfektionistisches Arbeiten hinter mir zu lassen. Stattdessen fordert es mich auf, mich mutig zu entscheiden mit allen Konsequenzen! Im Rahmen dieses Zeitfensters gestalte ich, und zwar so, bis es mir gefällt, was ich vor mir sehe. Das ist
"ich kann frei gestalten"
ein sehr faszinierender Prozess, denn er lässt mich wahrnehmen: ich kann frei gestalten. Ich bin diejenige, die das Material bändigt bis ich in mir spüre: es ist gut so, wie es ist. Das Material bindet nun relativ schnell ab: die zuvor formbare Masse verhärtet sich zunehmend und gewinnt an Struktur und Härte. Allmählich entsteht daraus ein fester Halt und Stabilität.

Vertrauen in die eigene Vielfalt
Bis die einzelnen Grundierungen komplett durchgetrocknet sind, brauchen sie ausreichend Zeit. Ich gebe ihnen dafür gerne zwei Tage. Diese drei Werke sind wieder einmal Arbeiten, die mich tief spüren lassen, dass ich mich auf die Besonderheiten und jeweiligen Qualitäten der Materialien einlassen muss. Jedes Material fordert eine andere Eigenschaft von mir. Gips hier, lässt mich in Geduld üben. So bleibt mir viel Zeit, mich meinen Gedanken hinzugeben. Und irgendwann sind auch diese Leinwände bereit, Farbe zu empfangen.
In allen drei Werken habe ich dieselben Farben verwendet und sie stark mit Bindemittel und zusätzlichem Wasser verrührt, sodass sie möglichst dünn aufgetragen werden können. Die Farbe habe ich also nicht als deckende Schicht aufgetragen, sondern in lasierenden Ebenen aufgemalt oder geschüttet. Auch das führt mich erneut in einen langen Prozess. Denn bis eine einzelne Schicht getrocknet ist, vergeht viel Zeit, bevor die nächste aufgebracht werden kann. Das Besondere daran ist jedoch: Nichts wird überdeckt. Schicht für Schicht bleibt sichtbar und scheint durch.
"ich trage eine Kraft in mir"
Die Leinwand beginnt zu leben! Das dunkle Kassler Braun verleiht Tiefe. Die darüber gelegt Rote Erde entfaltet ihre Wirkung erst durch das darunter liegende Dunkel. Wenn darauf dann die helle Kreide gelegt wird, entsteht ein lebendiger Farbraum. Solch ein Vorgang hallt in mir nach. Ich komme ganz bei mir selbst an, kann eine Verbindung zu meinem Inneren herstellen und meine eigenen Emotionen wahrnehmen. So nah mit mir selbst in Berührung zu sein, schenkt mir immer wieder das Gefühl, das notwendige Werkzeug bereits in mir zu tragen. Ein solches Gefühl setzt eine enorme Kraft im Menschen frei und lässt spüren: Ich trage bereits eine solche Kraft in mir!

Lichtblicke der Bestimmung
Nach dem Anrühren des Pulvers, dem Modellieren der Masse und dem geduldigen Ausharren, bis die Grundlage ausgehärtet ist, konnte ich mit dem Fließen der Farben dem ursprünglich toten Pulver eine Lebendigkeit einhauchen. Das ist ein zutiefst beglückender Moment. Denn es ist nichts, was ich aus mir heraus erzwingen kann, sondern etwas, das ganz von selbst entsteht.
Und in diesem Moment tritt auch völlig in den Hintergrund, wie die Werke rein äußerlich anzusehen sind. Meist sind sie durch diese tiefe Erfahrung bereits unfassbar schön für mich. Ich spreche hier nicht von irgendeiner Theorie, sondern von dem, was ich bei mir selbst immer wieder wahrnehme und auch in meinen Kursen bei anderen Menschen beobachte: Es entsteht ein Gefühl des Geglücktseins. Und genau deshalb,
"ich erlaube mir zu sein"
weil ich meinem inneren Kompass gefolgt bin. Jede Idee, die mir kam, habe ich versucht umzusetzen. Mancher Handgriff gelang mir geübt, ein anderer war ungewohnt oder neu. Ich habe mir einfach erlaubt, zu sein! Genau diese Erfahrung erfüllt innerlich mit Dankbarkeit und bringt eine gewisse Schönheit im Menschen hervor. Sie kommt von innen und ist nicht aufgesetzt. So, als würde das wahre Ich ohne Maske nach außen treten. Einfach zu tun, mit all meinen Kräften, und mich auf die Prozesse und Qualitäten der Materialien einzulassen, genau das hat diese innere Schönheit sichtbar werden lassen. Es war keine Verpflichtung, sondern ich habe dieses Tun aus freiem Willen gewählt.
Um diese Ausdruckskraft auch in den Bildern sichtbar zu machen, habe ich mir ein Gemisch aus Gold und Silber in meinem Farbschälchen angerührt. In den Werken legt es sich über die Strukturen und Farbschichten, ohne sich aufzudrängen. Und je nachdem, wie das Licht auf die Leinwand fällt, beginnt es zu schimmern und zu leuchten. Die Rauheit der Grundierung und der Untergrund verbinden sich und machen sichtbar, was da längst schon war. Vielleicht hat es nur darauf gewartet, ins Licht gehoben und zur Erfüllung gebracht zu werden.

Kein starrer Plan also, nichts, das festen Regeln folgt oder von außen bestimmt wird, sondern nur das, was im Inneren angelegt ist. Es ist immer wieder diese Suche in mir, genau das aufzuspüren und zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht liegt darin unsere eigentliche Bestimmung: nämlich die in uns angelegten Werte und Potentiale zu leben.
Innere Zuversicht Begleitet zu sein

Nach Tagen des Schaffens im Atelier kehrt Ruhe ein. Über das Ringen mit dem Material und seinen Widerständen breitet sich Ruhe aus und schenkt ein Gefühl innerer Zuversicht: nämlich stets begleitet zu sein. Begleitet durch mich selbst, indem ich mich annehme in meinen Unsicherheiten und unfertigen Gedanken. Begleitet durch eine Präsenz die ich in mir spüre, wenn ich durch die Natur wandere oder dem Zwitschern der Vögel lausche. Begleitung zu erfahren auch durch andere Menschen, wenn ich Interesse durch echtes Zuhören erfahre, oder jemand ein Stück meines Weges mit mir geht. So wächst ein Vertrauen: Du bist niemals ganz allein!
Himmel und Erde verbinden sich, der Horizont in mir zeichnet sich ab.
innerer Kraft vertrauen

Das Bemerkenswerteste in diesen Bildern zeigt sich mir dort, wo ich ganz nach innen finden konnte. Hat sich dort der eigentliche Kern gezeigt? Nämlich, dass wir eine unzerstörbare Kraft in uns tragen, die es uns ermöglicht, den eigenen Weg aufrecht zu gehen? Immer wieder darf ich beobachten, wie sich Wege verändern und sich selbst nach schwierigen Phasen wieder stabilisieren. Es scheint eine Kraft in uns zu geben, die uns durch die Schichten der Zeit trägt, selbst dann, wenn wir sie gerade nicht spüren können. Eine Kraft, leise und beharrlich. Angetrieben von einer Sehnsucht in uns, im Dunklen nicht stehen zu bleiben.
In diesem inneren Raum erfahre ich Schutz, hier bleibe ich intakt, trotz allem!
innere Bestimmung erfüllen

Das letzte Bild meiner Serie führt mich zur Schönheit des Menschseins. Sie zeigt sich dort, wo ich mir erlaube, meine wahren Werte und Eigenschaften zu leben und nach außen zu tragen. Dort wird mein Eigentliches sichtbar. Echtsein wird wahrnehmbar und Wärme spürbar. Es ist kein angelerntes Verhalten, um zu gefallen, sondern eine gelebte Kraft, die aus sich selbst heraus strahlt. Vielleicht liegt genau darin unsere eigentliche Bestimmung: die eigenen Potentiale zu entfalten und zum Einsatz zu bringen. Vielleicht können sie für irgendjemanden gerade ein Anker sein oder zur Erlaubnis werden.
Ohne die Werte meiner Lebenslandschaft würde der Welt genau das fehlen, was gerade ich ihr geben kann.

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