Oft versuchen wir, Angst, Trauer oder belastende Gefühle zu verdrängen. Wir wollen dem Leid oder der Krise entkommen und so schnell wie möglich in unseren Alltag und zur Tagesordnung zurückkehren. Das Unabänderliche scheint uns zu erdrücken. Doch ganz so einfach geht das leider nicht und schon gar nicht dauerhaft. Auch wenn wir versuchen uns abzulenken oder die Leere mit anderen Dingen zu füllen, Verdrängung funktioniert nicht dauerhaft. Das Trübe holt uns immer wieder ein.
Das heutige Bild zu Ostern erzählt genau davon und gibt ein wenig preis, wie wertvoll uns gerade solche Phasen des Lebens werden können.

Schwere als Fundament
Hier im Bild gibt erst die Schwere dem Ganzen seine Tiefe. Sie zeigt sich im unteren Teil: Ohne das dunkle Blau mit seinen erdigen, durch das Kasslerbraun abgedunkelten Flächen, würde dem Hellen darüber der Halt fehlen. Das Helle würde sich im Leeren verlieren. Dieser dunkle Boden trägt genau das, worauf alles ruht. Solche Gedanken bringe ich gerne in Verbindung mit dem Menschsein und suche, was ich davon für mich ableiten kann. Denn daraus, kann ich unheimlich viel für mich und mein Dasein ablesen. Dieser dunkle Boden können wir auch in unserer Lebensgeschichte finden. Dort sind das die Prägungen, die wir in uns tragen: All das aus unserer Kindheit, die Begegnungen die uns geformt haben, die Schicksalsschläge und Erfahrungen, die uns zu dem gemacht haben, der wir heute sind. All diese Dinge sind das, worin wir wurzeln. Ohne unsere Wurzeln wären wir nicht standfest. Sie machen uns widerstandsfähig und möglich, Schweres zu tragen, ohne daran zerbrechen zu müssen. Aus ihnen heraus können wir wachsen.
Umbruch, Wenn die alte Form aufbricht

Und dieses Fundament wird immer wieder auf die Probe gestellt. Wir kennen sie alle, die Herausforderungen, die das Leben uns bereithält. Es mutet uns vielerlei Probleme zu: Vorstellungen von denen wir uns verabschieden müssen, Lebensentwürfe die scheitern, Krankheit und Verlust. Krisen, die uns oft unvorbereitet treffen. Es sind jene Momente, in denen der Boden unter uns wegzubrechen scheint und das Unabänderliche mit voller Wucht in unseren Alltag bricht. An dieser Grenze, zwischen dem was uns hält und dem, was uns erschüttert verfallen wir in Unsicherheit und Hilflosigkeit. Doch genau hier, kann eine neue Bewegung beginnen. Wir suchen uns Hilfe, jemand, der solch einen Weg schon einmal gegangen ist oder jemanden, der mit solchen Situationen umzugehen weiß. Wir suchen uns jemanden, der ein Stück unseres Weges mit uns geht. In dem Moment bricht die alte Form auf und die Probleme können neue Richtung gewinnen. Dieser Augenblick wird zum entscheidenden Wendepunkt: Wir bleiben nicht starr in der Lage verfangen, sondern öffnen uns, Neues auszuprobieren. Das Alte weicht neuen Möglichkeiten. Das ist der Beginn die Risse nicht mehr nur als Scheitern zu werten, sondern als Schwellen, an denen unser Leben eine neue, tiefere Form gewinnt.
Das Gold in der Schwelle
Dieser Prozess des Neu-Werdens wird auch in meinem Bild greifbar. Es ist das Curcuma, das sich im mittleren Teil des Bildes horizontal durch das Bild schlängelt und den Übergang vom dunklen unteren Teil zu dem hellen Oben schafft. Während des Trocknungsprozesses ist das Material aufgesprungen. Es erinnert an unsere eigenen Brüche. Doch diese Risse habe ich nicht versteckt, sondern sie mit lasierendem Gold übermalt. Das gebrochene Gelb, das wie ein Makel schien, wird nun zu einem wertvollen Teil des Werkes. In diese Risse kann das Gold hindurch, bis in das tiefe Blau fließen. Ohne den Bruch, würde das Gold nur obenauf liegen, es käme nicht hinunter in die Tiefe.

Wie oft werden wir Menschen gerade durch unsere Krisen und die zu tragenden Lasten mitfühlender für uns selbst und unsere Mitmenschen. Manchmal kommt es mir so vor, als ob es weniger die Erfolge zu sein scheinen an den wir Menschen wachsen, sondern die Risse, die etwas in uns Aufbrechen lassen. Es sind genau diese Brüche, die den Menschen unverwechselbar machen. Nur er weiß um die Schwere der Last und die Anstrengungen, ihnen eine neue Form zu geben. Hieraus erwächst eine enorme und kostbare Kraft: das Verstehen darum, dass der Bruch nicht ungeschehen gemacht werden kann, sondern gerade durch ihn eine Ganzheit möglich wird. Ganzheit meint hier nicht Perfektion oder Makellosigkeit, sondern das Zusammenfließen von Narben und Licht.
Das Helle in mir wird erfahrbar
Mit diesem Verständnis können in all der Schwere immer wieder mentale Auszeiten genommen werden. Sie lassen Raum für die Sehnsucht in uns, die sich in solchen Phasen abzeichnet. Wünsche und Vorstellungen, wie der Weg weitergehen könnte, nicht wegen der Brüche, sondern trotz der Brüche. In diesem Moment wird das Helle in uns erfahrbar. Und plötzlich gibt es neben der Last und der Schwere eine Klarheit in uns. Sie wird zum Licht, das nicht aufgesetzt, sondern aus der Tiefe emporgewachsen ist.

Vergessen wir diese Blickrichtung nicht.
Sie bewahrt uns davor, an der Schwere zu zerbrechen.
Erlauben wir uns vielmehr, dass Licht und Schwere in uns sein dürfen.
Dieses Miteinander ermöglicht eine Kraft in uns,
die das Helle alleine uns niemals schenken könnte.
Hier im Bild
legt sich das Gold
in die Risse des Curcuma
und kann so
in das Dunkle des Blaus eindringen.
Ohne den Bruch
bliebe das Gold nur obenauf.
In unserem Menschsein
werden gerade Momente
des Scheiterns und der Schwere
zum Akt der notwendigen Öffnung,
durch die das Licht
überhaupt erst
in unsere Tiefe dringen kann.
Ganzheit braucht keine Perfektion
Wenn das Gold
durch unsere Brüche
die Tiefe berührt,
verwandelt sich der Schmerz
in eine kostbare Kraft.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein frohes und gesegnetes Osterfest.
Mögen Sie das Licht entdecken, das durch die Risse leuchtet.
Herzliche Ostergrüße!
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